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Visionen für eine neue Welt - Teil 1: Warum unsere Gesellschaft heute nicht funktionieren kann

Würdest du im Winter bei Minusgraden jeden Tag nur mit Unterwäsche bekleidet rausgehen, Cola trinkend und Torte essend, zwischendurch 20 Zigaretten inhalieren und dich dann wundern, warum es dir immer schlechter geht? Würdest du dann auch noch, damit du dich besser fühlst, immer mehr Medikamente einwerfen, um nicht mehr bemerken zu müssen, wie arg es tatsächlich schon um dich bestellt wäre?

Verrückt, nicht?

Aber genauso steht es um unsere Gesellschaft, in der wir leben. Wir wissen schon längst, dass die Eckpfeiler unseres Zusammenlebens und der wichtigsten Bereiche unseres Lebens kaum bis gar nicht funktionieren, und trotzdem tun wir so, als müssten wir nur die bestehenden Systeme optimieren, reformieren und perfektionieren, und schon wäre alles bestens.

Die abbruchreifen Säulen der Gesellschaft

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Interessanterweise kommt fast niemand auf die Idee, die Paradigmen, auf denen unsere demokratische Gesellschaft aufgebaut ist, auch nur ansatzweise zu hinterfragen. Paradigmen sind Grundauffassungen und Weltanschauungen, die für eine bestimmte Zeit bzw. Epoche ausschlaggebend sind. Deswegen möchte ich die wichtigsten Paradigmen beschreiben. Dabei möchte ich mich auf jene Leitbilder konzentrieren, die in den wesentlichen Bereichen unseres Lebens dominieren. Zu diesen zählen Politik, Erziehung und Bildung, Wirtschaft, Kultur und das Rechtssystem. Diese Säulen unserer modernen Gesellschaft sind durchdrungen von gewissen Leitbildern, die heute kaum hinterfragt werden.

Ich möchte gleich vorausschicken, dass die im Folgenden behandelten Weltbilder nicht den Anspruch auf Vollständigkeit genügen können, aber trotzdem die für mich wesentlichen Aspekte darstellen, die zumindest eine Diskussion in Gang bringen könnten. Außerdem gilt es zu bedenken, dass wir in einer dualistischen Welt leben, die mehr nach Trennendem als Verbindendem sucht. Alles Gute braucht auch das Böse, Recht braucht Unrecht, und die Liebe den Hass bzw. die Angst. Gerade dieser Dualismus offenbart wie primitiv wir nach wie vor sind, obwohl wir uns immer wieder unserer Zivilisiertheit und Vernunft rühmen.

Es steht außer Zweifel, dass wir uns weiterentwickeln und viel erreicht wurde. Nur sollten wir eben langsam beginnen, unsere dualistische Weltsicht zu hinterfragen, um endlich Platz machen zu können für eine neue Stufe unserer Evolution. Für mich liegt der Ausgangspunkt einer richtungsweisenden Entwicklung eben im Überdenken bzw. Neudenken unserer Paradigmen, auf die ich nun eingehen möchte.

Diese Paradigmen lauten:

Das Paradigma von Konkurrenz und Wettbewerb

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Wir leben nach wie vor in einer vom männlichen Archetypus dominierten Welt, denen auch ihre scheinbaren Gewinner - nämlich die Männer - zum Opfer fallen. Eine Gesellschaft, die mehr Verlierer als Gewinner propagiert und produziert, und das in allen Lebensbereichen ist mehr als bedenklich. Betrachtet man zum Beispiel die Welt des Sports und wie sehr sie mit der Welt des wirtschaftlichen Wettbewerbes verschmolzen ist, wird schnell klar, dass selbst die wenigen wirklichen Gewinner ihre Triumphe sehr teuer bezahlen müssen.

Denn letztendlichist der Sieger von heute schon der Verlierer von morgen. Und auch wenn sich ganz Nationen von erfolgreichen Athleten in den Bann ziehen lassen, führtjede Konkurrenz auf lange Sicht nur zu dem schalen Geschmack der Unzufriedenheit mit der eigenen Durchschnittlichkeit, die uns alle früher oder später einholt. Ob dies zu einer Kultur des Neids oder des Verdrängungswettbewerbs führt ist dabei schon zweitrangig.

Beispiele für die Auswüchse dieses Denkens sind auf der ganzen Welt zu finden. Seien es amerikanische Bürger, die sich in den ersten Jahren ihres Beschäftigungsverhältnisses nicht trauen Urlaub zu nehmen, oder französische Eltern, die ihre Kinder teilweise noch als Babys den ganzen Tag in die Krippe stecken, um für die Gesellschaft funktionieren zu können, bis hin zu einer Bekannten in Österreich, die mir erzählte, dass ihre Anwaltskollegin die Geburt ihres Kindes als Wunschkaiserschnitt auf ein Wochenende gelegt hatte, damit ihr ihre Kollegen keine Klienten wegschnappen könnten.

Werfen wir zusätzlich noch den Blick auf Länder wie China, ein Land, das aufgrund politischer Zwangsmaßnahmen überproportional viele männliche Einwohner hat, dann kommen wir aus dem Staunen kaum noch heraus. Da sind Kinder, die die ganzen Ferien über in Privatunterricht geschickt werden, noch harmlos. So mussten zum Beispiel bis vor ein paar Jahren Paare, die heiraten wollten, bei ihrer Firma um Erlaubnis dafür ansuchen.

Wettbewerb und Konkurrenz sind vor allem im öffentlichen Bereich Totengräber der Gesellschaft geworden. Wir sehen das in der Wirtschaft, wo das Konkurrenzdenken immer wieder das System gegen die Wand fährt, und auch in der Politik gibt es heutzutage nur mehr Verlierer. Manchmal wundert man sich ja direkt, dass sich überhaupt noch Menschen finden, die sich ein öffentliches Amt antun. Und dies bringt uns bereits zum nächsten Leitbild.

Das Paradigmavon Bewertung und Beurteilung

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Sobald wir als Menschen das Licht der Welt erblicken, werden wir beurteilt und bewertet, ich spreche hier nicht nur vom APGAR Test gleich nach der Geburt. Was bei Babys und und Urteilen über ihr Aussehen noch ganz süß sein mag, gerät bereits ab dem Kleinkindalter in vielen Familien außer Kontrolle, sobald Eltern beginnen die Fähigkeiten ihrer Sprösslinge zu vergleichen. So muss sich so manches 1jährige Kind schon mal den vorwurfsvollen Blick seiner hochmotivierten Eltern ertragen, dass es noch nicht laufen kann.

Und aus dieser Bewertungsfalle, die ja auch unmittelbar mit dem Wettbewerb Hand in Hand geht, kommen die Kinder ab diesem Zeitpunkt nicht mehr heraus. Bereits im Kindergarten werden ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten auf Standards hin geprüft, und spätestens ab der Schule wird jedes Kind 24/7 zu Hause und institutionell nahtlos beurteilt.

Obwohl es keinen Menschen gibt, der sich dabei wohl fühlt, bewertet zu werden, verinnerlichen wir dieses Verhalten als Bestandteil unserer sozialen Verhaltensrepertoires und machen bereits als Kinder mit beim Bewerten und Beurteilen der anderen. Selbst wenn du zu denjenigen gehörst, die immer die besten Zensuren erhalten, beginnst du schleichend deine eigene Funktionalität und die Tatsache, zum Objekt zu degradiert zu werden, zu akzeptieren.

Gleichzeitig internalisieren wir Bewertungsbedingungen in unserem zwischenmenschlichen Dasein als Normalität, als Conditio sine quanon, als Status Quo, als ultimatives Regulativ wie wir einander begegnen. Der unausgesprochene oder zuweilen auch eingemahnteVerhaltenskodex lautet:

"Willst du geliebt werden, musst du dein Verhalten so anpassen, dass du die Liebe auch verdient hast."

Nicht nur, dass uns diese Lebensweise unglücklich macht, ist sie immer auch eine Sackgasse. Denn letztendlich geht es uns beim Paradigma der Bewertung genauso wie mit der Konkurrenz. Wir landen alle auf der Straße der Verlierer. Anders gesagt, kann niemand allen Ansprüchen genügen, abgesehen davon, dass Glück und Liebe sowieso nie etwas mit Bedingungen zu tun haben. Wie du siehst, produziert auch das Paradigma der Beurteilung nur das Gefühl der Unzulänglichkeit. So wie auch beim nächsten Weltbild, und das obwohl es eigentlich so hoffnungsvoll klingt.

Das Paradigma von Recht und Gerechtigkeit

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"Wieso das jetzt?" magst du dich vielleicht fragen. Warum sollte Gerechtigkeit denn nicht gerecht sein? Dazu kann ich dir nur sagen, dass es in der Geschichte der Menschheit nie Gerechtigkeit gegeben hat und nie geben wird. Wir sollten uns lieber fragen, warum denn auch? Schon mal vom berühmten Zitat Marshall Rosenbergs gehört der sagt:

"Willst du Recht haben oder glücklich sein? Beides geht nicht!"

Damit hat er unser Dilemma sehr treffend beschrieben. Versteh mich nicht falsch, auch mir ist ein friedvolles Miteinander wichtig, dass uns allen dient, nur zweifle ich an der Weise, wie wir das bisher versucht haben, zu erreichen. Denn sobald wir ein Recht schaffen, implizieren wir auch immer automatisch ein mögliches Unrecht. Und nur weil du meinst auf der Seite der Gerechtigkeit zu stehen, mag das in den Augen anderer Betroffener ganz anders aussehen.

Selbst ein Staat bzw. die Justiz setzt willkürlich Regeln fest, was Recht ist und was nicht. So wurde Homosexualität von der Straftat zum Recht, und umgekehrt wurde Gewalt gegen die eigenen Kinder vom Recht zur Straftat. Ich könnte dir eine endlos lange Liste von weiteren Beispielen aufzählen.

Selbst wenn eine sehr große Mehrheit sich einig ist, dass sie rechtens handelt, mag der eine Anderesdenkende sein Unrecht nicht als solches sehen, weil er meint im Recht zu sein. Dazu müssen wir gar nicht das Beispiel des Nationalsozialismus bemühen. Stell dir zum Beispiel vor, du kommst als Flüchtling nach Österreich oder Deutschland und du verlierst von einem Tag auf den anderen grundlegende Rechte, wie zum Beispiel, dich frei zu bewegen, oder sogar einer Arbeit nachzugehen. Ignorierst du diese Dinge, begehst du eine Straftat.

Im zwischenmenschlichen Bereich sind für die meisten Menschen die Grenzen zwischen Recht und Unrecht ohnehin mehr als fließend. Frag zum Beispiel Eltern nach ihrer Scheidung darüber, was in ihren Augen für die Kinder rechtens ist und was nicht. Selbst in harmonischen Beziehungen kannst du schnell in ein Wespennest stechen, mit der Frage nach dem was richtig und falsch ist.

Fest steht, dass das Suchen nach und Pochen auf das Recht und die Gerechtigkeit in jeder Hinsicht eine Themenverfehlung sind, und in der Geschichte der Menschheit mehr Chaos und Unglück hinterlassen haben, als dies jede Anarchie imstande gewesen wäre. Vielleicht haben wir dieses Scheitern dem nächsten großen Paradigma zu verdanken.

Das Paradigma vom Ego und der Individualität

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Es ist schon eine echt verzwickte und verrückte Sache: Wir kommen zu Welt, ahnungslos wer wir sind, erkämpfen uns unser Ich, um letztlich festzustellen, dass genau dieses Ego unser Untergang sein kann. Denn niemand kann dir und deinem Glückso sehr im Weg stehen, wie dein Ego.

Hebt man dies auf eine globale Dimension, erhalten wir Milliarden von Einzelkämpfern, die um Aufmerksamkeit und Anerkennung buhlen, und das nicht nur auf Instagram. Was uns wiederum wie ein Teufelskreis zu Konkurrenz und Bewertung führt. Und das alles nur, weil wir unsere Individualität entfalten wollen. Auch wenn die Situation nicht ganz so dramatisch sein mag, gibt es doch erhebliche Alarmzeichen.

Denn solange wir auf uns selbst fokussiert sind, verlieren wir immer wieder das große Ganze aus den Augen, unsere Gemeinschaft, den Planeten. Dies gipfelt wiederum in einer Gesellschaft, deren Augenmerk hauptsächlich auf Selbstdarstellung und Schein ausgerichtet ist, was nicht nur in sozialen Medien, sondern auch in unseren Beziehungen Niederschlag findet, und uns direkt zum letzten Paradigma führt, das ich heute behandeln möchte.

Das Paradigma von Mangel und Bedürftigkeit

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Konkurrenz, Bewertung, der Wunsch nach Gerechtigkeit und unser Ego kumulieren alle zu einem permanenten Gefühl des Mangels und der Bedürftigkeit. Nimmt man dann auch noch das tradierte Leitbild dazu, dass es auf der Welt nicht genug von allem gibt, dass der Mangel eine Tatsache ist, und wir sehen müssen, wie wir zu unserem Anteil vom Kuchen kommen, auf Kosten anderer, dann braucht man sich nicht zu wundern, wie es um unsere Gesellschaft bestellt ist.

Die meisten Menschen haben das Gefühl zu kurz zu kommen, nicht genug zu sein, nicht geachtet zu werden, nicht gesehen zu werden, bereits mit der Muttermilch in sich aufgesogen. Wenn es etwas gibt, das Menschen im beginnenden 21. Jahrhundert im Überfluss haben, dann das Gefühl des permanenten Mangels. Ein Mangel, der alle Bereiche unseres Lebens überzieht. Das reicht vom Mangel an Beachtung und Liebe, bis zum Mangel an materiellen Besitztümern. Schließlich gibt es da noch immer das neuere und bessere Modell, den cooleren Lebensstil.

So schließt sich endlich der Kreis auf scheinbar wundersame Weise: Empfindest du einen Mangel, kauf dir einfach das richtige Produkt, das dir hilft, dich wieder besser zu fühlen: Das neue Handy, das neue Auto, die Markenklamotten, das neue Game, das richtige Buch, oder denneuen Onlinekurs.

Na dannist ja alles gut, oder?

Dass eher das Gegenteil der Fall ist, spüren wir mittlerweile in allen Lebensbereichen. Egal ob Erziehung, Bildung, Politik, Kultur, Wirtschaft oder sogar Wissenschaft. All diese Bereiche befinden sich einem krisenhaften Umbruch, und kaum jemand scheint zu ahnen, wohin die Reise gehen soll.

Deswegen werde ich dir im nächsten Teil dieses Beitrags über Visionen für eine neue Welt, jene Paradigmen vorstellen, die für mich den Schlüssel für eine neue Weltordnung bilden könnten. Bis dahin freue ich mich über Rückmeldung. Schreib mir einfach auf wolfgang.neigenfind@visionbord.com

In Liebe,

Wolfgang

PS: Die Briten Tears For Fears haben viele großartige Songs in den Pop-Himmel gesetzt. Einer meiner Favoriten ist "Mad World" aus dem Jahr 1983, der trotz seiner Synthesizer Aufmachung zeitlos daherkommt, und das nicht zuletzt dank der Lyrics. Schließlich befinden wir uns noch immer in der verrückten Welt, in der Menschen einenTraum leben, in dem sie am liebsten sterben würden.