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"Kein Mensch ist eine Insel", beginnt ein berühmtes Gedicht von John Donne. Auch wenn du dich sicher schon bei dem Gedanken ertappt hast, dass es dir so lieberwäre, um dann kurz darauf, dich wieder nach zwischenmenschlichem Kontakt zu sehnen. An keiner Sache wird die menschlische Widersprüchlichkeit so deutlich, wie unseren Beziehungen.

Tatsache ist, Menschen können ohne Beziehungen gar nicht überleben. Wir sind angewiesen auf andere. Doch sobald wir auf andere Personen treffen, beginnen die Komplikationen. Du kommst zur Welt, schreist, und deine Eltern tun sich bereits schwer damit, zu verstehen was du willst.

Und ehrlich gesagt, wird es nicht einfacher. Denn je mehr Worte du beherrschst, desto mehrdeutiger wird deine Sprache. Außerdem vergrößerst du unentwegt deinen Bewegungsradius, bis du schließlich hinaus gehst in die große Welt.

Dort triffst du dann auf Milliarden anderer Menschen, die sich genauso schwer tun damit, mit dir zurecht zu kommen, wie du mit dir selbst, oder mit ihnen.

Gott sei Dank, lernen wir von klein auf, wie Beziehungen funktionieren.

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Ups, das passiert ja gar nicht. Na, dann wird es höchste Zeit. Im heutigen Blog möchte ich dir dabei helfen, dich besser im Beziehungsdickicht zurechtzufinden. Noch dazu auf eine Art und Weise, die dich eher ent- als verspannt. Du wirst sehen, es gibt ein paar fundamentale Erkenntnisse, die deine Weltsicht komplett verändern, und gleichzeitig dein Leben wesentlich erleichtern können.

Und hier sind sie schon:

Eigeninteresse ist ein Naturgesetz

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Stell dir vor, dir fällt dein Smartphone zu Boden und ist beschädigt. Du würdest dich vielleicht beschuldigen, ungeschickt zu sein, oder das Handy, weil es zu groß ist. Aber du würdest nie auf die Idee kommen, die Schwerkraft für das Missgeschick verantwortlich zu machen. Das liegt daran, dass du Gravitation als ein Naturgesetz akzeptiert hast.

Deshalb habe ich ein weiteres Naturgesetz, das dir ab jetzt dein Leben enorm erleichtern wird. Es lautet:

"Alle Menschen handeln aus Eigeninteresse."

Wenn du diesen Umstand als dein Weltbild annehmen kannst, dann ersparst du dir viele Gedanken und Sorgen. Wichtig ist auch, zu verstehen, dass dieses Gesetz nicht wertend ist. Dinge sind, wie sie sind. Und Menschen handeln aus Eigeninteresse.

Wenn du lernst, dies zu verinnerlichen, wirst du aufhören, Handlungen oder Kommentare der anderen persönlich zu nehmen. Es geht nämlich nie um dich. Es geht immer um die anderen. Oder umgekehrt, auch du handelst immer im Eigeninteresse.

Wir können nur dankbar sein, wenn die Motive, aus denen wir handeln, auch anderen zugute kommen. Trotzdem tun wir immer, was uns am besten erscheint. Es ist überflüssig, dich oder andere für irgendetwas zu beschuldigen.

Egos sind zerbrechlicher als Glas

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Es gibt nichts Empfindlicheres im gesamten Universum als unsere Egos. Das liegt daran, dass dein Ich weiß, dass es nur eine Illusion ist, die von der Realität ständig bedroht wird. Deswegen muss es ständig um sich schlagen, um weiter bestehen zu dürfen. Denn erst, wenn wir uns von anderen getrennt erleben, kann sich das Ego entfalten.

Je getrennter, oder je schlechter unser Verhältnis zu anderen, desto besser für dein Ich. Und jetzt stell dir vor, es treffen zwei oder mehrere von diesen sensiblen Egos aufeinander. Richtig, dann wird es lustig.

Noch dazu arbeitet das Ego mit Methoden, die sich sehr negativ auf unser Miteinander auswirken: Identifikation und Projektion.

Identifikation bedeutet, dass wir uns mit Dingen oder auch Menschen, die wir als Objekte wahrnehmen, gleichsetzen. Sie werden dann zu unserem Beisitz: "Mein Auto, mein Mann, meine Kinder,..."

Da wir aber immer spüren, dass diese Besitznahme nicht wirklich funktioniert, müssen wir uns mehr oder weniger vehement, für Angriffen auf diesen Besitz wehren. Je größer das Ego, desto größer die Angst. Und desto größer die Aggression.

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Bei der Projektion arbeitet das Ego mit dem Trick, die für seine Existenz so wichtige Abgrenzung voranzutreiben, indem es die selbst empfundenen Unzulänglichkeiten, anderen umhängt. Auf diese Weise gelingt wieder dieTrennung von anderen Personen oder Personengruppen, und das Ego kann auf diese Weise wieder wachsen und gedeihen. Auf Kosten einer guten Beziehung zu deinen Mitmenschen.

Wenn du aber um den Größenwahn und den schlechten Einfluss deines Egos weißt, kannst du jeden Moment danach trachten, dich achtsam zu beobachten. Du wirst nämlich immer wieder in die Egofalle tappen. Aber je häufiger du es liebevoll bemerkst, desto kleiner wird dein Ego, und desto seltener drängt es sich in den Vordergrund.

Dein Tanzbereich - mein Tanzbereich

Noch etwas kommt hinzu, dass du gerade in Zeiten von Covid-19 sicher schon bemerkt hast. Jede von uns hat eine Wohlfühlzone, also einen Bereich, in dem wir uns sicher fühlen. Kommt dir jemand zu nahe, fühlst du dich dementsprechend unwohl.

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Vor allem im öffentlichen Bereich, in der U-Bahn, im Bus oder im Zug, wird die Grenze unserer Wohlfühlzone immer wieder überschritten, und wir fühlen uns nicht wohl. Und weil dies allen so geht, ist die Stimmung bei Ansammlungen von Menschen auch dementsprechend eigenartig und gereizt.

Wenn dir dieser Umstand bewusst ist, fällt es dir leichter, zu verstehen, warum gewisse Situationen schwieriger sind für uns alle, oder warum wir auch immer wieder Rückzugsorte brauchen.

Klare Kommunikation ist ein Oxymoron

Ein Oxymoron ist eine Formulierung, die sich aus gegensätzlichen, einander widersprechenden Begriffen zusammensetzt, so wie "klar" und "Kommunikation". Denneine eindeutige Kommunikation ist so gut wie ausgeschlossen.

Wenn wir berücksichtigen, dass wir nicht nicht kommunizieren können, wie Paul Watzlawick bereits formuliert hat, kommt da einiges auf dich zu. Selbst wenn du nur still dastehst, und nichts sagst, und mit anderem im Raum bist, sagst du damit sehr viel.

Wenn du dann noch deinen Mund aufmachst und redest, musst du bedenken, dass du nicht nur mindestens vier verschiedene Botschaften ausschickst, sondern die anderen auch mit mindestens vier Ohren zuhören (falls du das vertiefen möchtest, recherchiere die Theorien von Friedemann Schulz von Thun), falls sie dir überhaupt zuhören.

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Zusätzlich sinddeine Körperhaltung, deine Mimik, Gestik und dein Tonfall oft wichtiger, als das, was du sagst. Außerdem bist du dir vielleicht nicht einmal im Klaren, was du sagen willst, du weißt nicht wie du es formulieren sollst, oder du bist nicht bei der Sache.

Fazit: Du musst jetzt gar nicht alles verstanden haben, um zu verstehen, dass die Wahrscheinlichkeit einer klaren Kommunikation praktisch gegen Null geht.

Deswegen tust du gut daran, alle Erwartungen an die Kommunikation gehen zu lassen. Das heißt nicht, dass du es nicht versuchen sollst. Aber es ist sinnvoller die Vorwürfe oder die Enttäuschung über Missverständnisse und nicht angekommenen Botschaften sein zu lassen. Niemand schafft es klar und eindeutig zu sprechen oder zuzuhören. Aber jeder kann lernen, gelassener mit diesem Umstand umzugehen.

Außerdem kannst du das wichtigste Werkzeug einsetzen, dass wir in der Kommunikation besitzen: die Metakommunikation. Stelle im Zweifelsfall klar, wie du etwas gemeint hast, oder frag bei deinem Gegenüber nach, was ihre Absicht war, wie sie etwas gemeint hat. Das wirkt Wunder.

Jedes System hat seinen eigenen Code

Bist du schon einmal auf eine Gruppe gestoßen, zu der zu diesem Zeitpunkt noch nicht dazugehört hast? In der Schule? Im Job? Im Urlaub? Dann ist dir sicher aufgefallen, dass es in jeder Gruppe gewisse Verhaltensregeln gibt, die für die Mitglieder mehr oder weniger klar sind.

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Wir bezeichnen solche Gruppen auch als Systeme. Und du bewegst dich im Laufe des Tages in mehreren Systemen. So beginnst du meist deinen Tag in deinem Familiensystem, dann geht es vielleicht ins öffentliche System, um dann im System deines Arbeitsplatzes anzukommen.

All diese Systeme funktionieren auf eine ganz andere Art und Weise. Manchmal sind Regeln klar vorgegeben, unabhängig davon ob sie eingehalten werden oder nicht, manchmal gibt es keine so eindeutigen Strukturen. Es ist jedenfalls für dich gar nicht so einfach, all die Anpassungsleistungen an die verschiedenen Systeme unter einen Hut zu bringen.

Sei geduldig mit dir selbst und den anderen. Denk daran, wieviel euch abverlangt wird. Was dir aber dein Leben erleichtert, ist, wenn du in allen Systemen deines Lebens so echt auftrittst, dass du nicht viel an dir ändern musst, nur weil du von einer Gruppe zur anderen wechselst.

Der SQ ist wichtiger als der IQ

Alle Menschen reden gerne vom Intelligenzquotienten, obwohl es dabei bloß um eine rein theoretische Kompetenz geht. Doch niemand spricht von sozialer Intelligenz, die für dein Leben von weit größerer Bedeutung ist. Schließlich entscheidet deine soziale Intelligenz, wie gut du dich auf andere Menschen einstellen kannst, oder sie verstehst.

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Menschen, die hohe soziale Intelligenz ihr eigen nennen, haben normalerweise auch im Beruf mehr Erfolg als Menschen, die "nur" fachlich kompetent sind. Aber da diese Fähigkeit so gut wie nicht trainiert wird, musst du davon ausgehen, dass es mehr Menschen in deiner Umgebung gibt, die eher bescheidene Skills in Sachen Sozialquotient aufweisen können, als umgekehrt.

Deswegen ist es nicht weiter verwunderlich, dass viele Menschen Probleme haben, so auf soziale Probleme zu reagieren, dass alle Beteiligten gut damit leben können. Du kannst aber sehr wohl an deinen sozialen Fähigkeiten arbeiten, schließlich hast du jeden Tag genug Gelegenheit zum Trainieren. Und bevor du die Geduld mit deinen Mitmenschen verlierst, halte inne, und denk daran, dass wir kaum ädaquat vorbereitet wurden, richtig zu reagieren.

Was nun?

Gelassener in die Welt hinaus

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Ich wollte dich mit den Ausführungen oben nicht entmutigen. Im Gegenteil, ich will dir zeigen, dass du, wenn du all das Gesagte, berücksichtigst, vielleicht sogar erleichtert und gelassener auf deine Mitmenschen treffen kannst. Denn, wenn es deine Erkenntnis gibt, dann die: Niemand kann Beziehungen kontrollieren oder beherrschen. Selbst wenn du alles richtig machst, heißt das noch lange nicht, dass die anderen auch nur ansatzweise da mithalten können.

Trotzdem kannst du sehr viel tun: Du kannst nämlich dein Bewusstsein, deine Einstellung, mit der du in die Welt gehst, und deine Reaktion auf die anderen, verändern. Deswegen möchte ich dir, kurz gefasst, noch mal Richtlinien mitgeben, die sich aus den Erkenntnissen oben, ableiten:

Vom Dschungel auf die Spielwiese

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Es ist schon viel passiert, wenn du ab jetzt mit mehr Bewusstsein und einer veränderten Sicht auf andere zugehst. Schaffst du das mit einer liebevollen und gelassenen Grundhaltung, weil du ja jetzt weißt, dass sicher immer etwas schief gehen wird, dann kann es sein, dass du die Beziehungen zu deinen Mitmenschen, nicht mehr als Dickicht, Dschungel oder Kampf und Belastung siehst, sondern als Spiel, das dir immer wieder neue Herausforderungen gibt, um dich als Mensch auf das nächste Level deiner Beziehungsfähigkeit zu hieven.

Ich erlebe das täglich in allen Bereichen meines Lebens, vor allemauch in meiner Liebesbeziehung. Denn eine unsere Stärken, die dafür sorgt, dass wir jeden Tag als wundervoll erleben, ist die Erkenntnis, dass wir immer Blödsinn machen und sagen werden. Was aber den entscheidenden Unterschied bewirkt, ist die Art und Weise, wie wir darauf reagieren. Wir wissen um unsere Fehlbarkeit, und unterstützen uns gegenseitig, unsere Anliegen halbwegs verständlich zu machen. Meist endet es damit, dass wir über uns lachen.

Ich wünsch dir auch, dass du mit einem Lächeln und Gelassenheit in die Welt hinausgehen kannst. Schreib mir, auf wolfgang.neigenfind@visionbord.com, wenn ich dich dabei mehr unterstützen soll. Es ist mir eine Freude, dir zu helfen.

Alles Liebe,

dein Wolfgang

PS: Der 2011 erschienene Song "Eisberg" von Andreas Bourani geht auf das Hauptroblem zwischenmenschlicher Beziehungen ein. Wir glauben unserem Ego, uns verstecken zu müssen, bleiben an der Oberfläche, und erkennen dabei nicht, dass wir damit wie die Titanic ständig unterzugehen drohen.